Ein Spiegel ihrer Zeit: Die »Nussschalen-Studien« über ungeklärte Todesfälle als Mikrokosmen Amerikas in der Mitte des 20. Jahrhunderts

  • Courtney Leigh Harris Museum of Fine Arts, Boston
Schlagworte: Frances Glessner Lee, Lee, Alfred Hitchcock, Miniaturen, Forensik

Abstract

In den 1940er und 1950er Jahren schuf die Chicagoer Erbin Frances Glessner Lee eine Anzahl von Miniaturräumen und -gebäuden als Unterrichtsmaterial in der Ausbildung von forensischen Ermittlern an der rechtsmedizinischen Abteilung der Medizinischen Fakultät der Harvard Universität. Gemeinhin bekannt als die Nutshell Studies of Unexplained Death („Nussschalen-Studien über ungeklärte Todesfälle“) stellt jede Miniatur einen winzigen, aber höchst detailreich ausgestalteten Tatort dar, für den Lee zudem jeweils einen Begleittext mit ergänzender Information erstellt hat: Zeugenaussagen, Wetterberichte usw. Es war Lees Absicht, mit den Nutshell Sudies Tatortszenen zur Verfügung zu stellen, die – wie eingekapselt – „exakt den richtigen Moment treffen, so als ob ein Film genau an dieser Stelle angehalten wird“ (Lee o. J.). Der vorliegende Beitrag untersucht Lees Schriften – sowohl die aus ihren jungen Jahren als auch die Begleittexte zu den Nutshells. Betrachtet wird zudem, in welcher Weise die Themen der Nutshells-Kriminalfälle, die von Lee damals sorgfältig unter dem Aspekt der für ihre Zeit der 1940er Jahre relevanten sozialen Fragen ausgewählt wurden, auch größere kulturelle Strömungen der amerikanischen Gesellschaft widerspiegeln. Die Einbeziehung dieser zeitgenössischen sozialen Themen findet deutliche Parallelen im Kriminalfilm der späten 1940er und 1950er Jahre, insbesondere in den Werken von Alfred Hitchcock. Viele der Ängste im Amerika der 1950 Jahre spiegeln sich angesichts der wachsenden Beunruhigung über Terrorismus, weltweite Migration und Globalisierung auch in der Welt nach dem 11. September wider. Versteht man die zeitlich früheren Arbeiten von Lee und Hitchcock, lässt sich die Einstellung im 21. Jahrhunderts gegenüber ähnlichen Themen besser nachvollziehen.

Autor/innen-Biografie

Courtney Leigh Harris, Museum of Fine Arts, Boston

Kuratorische Forschungsstipendiatin für dekorative Kunst und Skulptur in der Abteilung für europäische Kunst am Museum of Fine Arts, Boston, wo sie an einer Reihe von Projekten im Zusammenhang mit Miniaturen gearbeitet hat. Sie hat ihren B.A. in Kunstgeschichte und in Internationale Studien an der Johns Hopkins University und ihren M.A. in Kunstgeschichte am Courtauld Institute of Art, mit einer Spezialisierung auf die Kunst von Florenz und Mittelitalien von 1400-1500. Vor dem MFA arbeitete Courtney als Provenienzforscherin bei der in London ansässigen Commission for Looted Art in Europe.

Veröffentlicht
2019-09-02
Zitationsvorschlag
HARRIS, C. L. Ein Spiegel ihrer Zeit: Die »Nussschalen-Studien« über ungeklärte Todesfälle als Mikrokosmen Amerikas in der Mitte des 20. Jahrhunderts. denkste: puppe - multidisziplinäre zeitschrift für mensch-puppen-diskurse, v. 2, n. 1, p. 34-42, 2 Sep. 2019.