Archiv CfP

Archiv: Call for Papers Bd. 4 Nr. 1 (2021)

Der vierte CfP der Zeitschrift denkste: puppe / just a bit of: doll (de:do), ein multidisziplinäres Online-Journal für Mensch Puppen-Diskurse (mit Peer-Review), hat den Themenschwerpunkt „Puppen als Seelenverwandte – Bedeutung der eigenen Puppe(n) in Biographie und künstlerisch-literarischem Werk“. Auch unabhängig vom Schwerpunkt können freie wissenschaftliche Beiträge sowie andere Text-Formate zum Schwerpunkt wie Essays, Interviews, Rezensionen etc. zu Mensch-Puppen- Aspekten eingereicht werden.

Die ersten drei Ausgaben des Journals behandeln die Schwerpunktthemen „puppen in bedrohungsszenarien“, „puppen als miniaturen“ sowie als Doppelheft „puppen/dolls like mensch – puppen als künstliche menschen“; Sie finden sie hier.

Mit dem Fokus auf die Bedeutung der eigenen Puppe(n) in Biographie und künstlerisch-literarischem Werk greift dieser Call ein Thema auf, das von der Forschung bislang kaum oder nur am Rande beachtet wurde: Die Rolle und Funktion, die (eigene) Puppen im Leben von Kunstschaffenden spielen, und der Einfluss solcher Puppen bzw. puppenähnlicher, anthropomorpher Wesen auf das künstlerische und/oder literarische Schaffen. Es geht somit sowohl um die Frage nach der Wirkung früher Puppenerfahrungen im späteren Schaffensprozess als auch um die Frage nach den möglichen (biographischen) Wurzeln und Zusammenhängen von Puppenmotiv und Puppen-Narrativen im künstlerisch-literarischen Werk.
Puppen sind kongeniale, aber ambigue Seelenverwandte – ‚so wie‘ Mensch und doch anders. Ihre Affordanz als Übergangsobjekt im Lebensverlauf – als Verlebendigung, Symbolisierung und ‚tote‘ Materialität – ist ein wiederkehrendes Faszinosum zwischen Anfänglichkeit (Natalität) und Endlichkeit (Mortalität). Puppen fordern dazu auf, sich auf sich selbst und offen auf die Welt einzulassen. Puppenaffine Menschen reagieren darauf in zumeist einzigartiger Weise. All das gilt für den Besitz eigener Puppen, für selbst geschaffene genauso wie für zu eigen gemachte Puppen und Puppenwelten, seien sie literarisch, zeichnerisch, filmisch, theatral oder materiell-technisch aufbereitet (z.B. Pinocchio, Sandmännchen, Babar, Barbie, Augsburger Puppenkiste, Sesamstraße). Auch wenn Puppen mit Kindheit – Kindheitserfahrungen und Kindheitsfiktionen – symbolisch aufgeladen sind, reichen sie weit darüber hinaus. Transformiert in die Formen und Inhalte der späteren Werk-Ästhetik und künstlerischliterarischenPraxis stehen sie für Zukunftsentwürfe und Potenzialität, für das, was möglich war, möglich ist und/oder möglich (gewesen) wäre. Diese Zugänge zur Welt können destruktiv und abgründig sein, konstruktiv und integrierend, sie können heilen und retten, aber auch unbestimmt in der ambiguen und liminalen Schwebe eines Dazwischen verbleiben.

Der Call richtet sich an die verschiedensten disziplinären Theorie-, Forschungs- und Praxisfelder. Es geht darum, die oben angestellten Überlegungen als ein Echo eigener Puppenerfahrungen zu verstehen und ihre Auswirkungen in literarischen, künstlerisch-kulturellen, medialen, psychologisch-pädagogischen, aber auch materiell-technischen Zeugnissen und Arbeiten auszuleuchten. Die folgende arbiträre Auflistung deutet ein vielfältiges Spektrum möglicher „Fälle“ und „Puppenspuren“ beispielhaft an. Für den Bereich der Literatur seien genannt: Goethe, E.T.A. Hoffmann, Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Lou Andreas-Salomé, Bruno Schulz, Walter Benjamin, Alice Herdan-Zuckmayer, Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler, Klaus Mann, Halldór Laxness, aber auch Yoko Tawada, Elena Ferrante und viele mehr, nicht zuletzt in der Kinder- und Jugendliteratur: Tonke Dragt besitzt Puppenhäuser, Tony Schumacher schaffte eine Fülle von Puppenillustrationen, das Umfeld der Augsburger Puppenkiste reicht von Max Kruse bis Thomas Hettche. Aus dem Bereich Kunst und Medien lassen sich nennen: Niki de Saint Phalle, Oskar Kokoschka, James Ensor, Hans Bellmer, Morton Bartlett, Michel Nedjar, Gudrun Brüne, Cindy Sherman, Elena Dorfman, aber auch Marc Hogencamp mit Marwencol. In Robert Zemeckis Filmen tauchen wiederholt Puppen und puppifizierte Objekte auf, Marlene Dietrich hatte ihre Puppen (fast) immer dabei und der deutsche Kosmonaut Sigmund Jähn nahm das Sandmännchen mit ins Weltall.

Archiv: Call for Papers Bd. 3 Nr. 1.1 und Nr. 1.2 (2020)

Mit dem Fokus auf Puppen als „künstliche Menschen“ greifen wir ein Thema auf, das Menschen seit der Antike begleitet und ihren ‚Verstand‘ und ihre ‚Herzen‘ in Unruhe versetzt. In Mythologien, literarischen Fiktionen und Narrativen, in Werken der bildenden Künste, im Film, in mechanisch-technischen Utopien, in den performativen Künsten, in der Pädagogik und den psychosozialen Bereichen von Psychotherapie und Beratung sowie in all den Lebensfeldern, in denen sich Neugier, Imaginationskraft, Fantasie und Widerstandskraft entfalten, wirft das Motiv der Puppe und ihr Einbezug grundlegende existenzielle Fragen auf: Wer und was ist der Mensch? Mit der atemberaubenden Entwicklung von Informatik und Robotik in den letzten Jahrzehnten und der aktuellen Forschung und Anwendungspraxis im Bereich der künstlichen Intelligenz werden dabei einerseits völlig neue Antworten auf die uralten Fragen gesucht und gegeben, die andererseits aber auch in die Jahrtausende alten Traditionslinien eingebunden werden können und sie weiterschreiben.

An dieser Stelle halten wir es für reizvoll, die hier eher altmodisch anmutende Idee der ‚Puppe‘ als Metarahmen für die unterschiedlichen Erscheinungsvarianten und Phänomene künstlicher Menschen zu verwenden: Kinder-Spiel-Puppen, (Figuren-)Theaterpuppen, Automaten und Maschinenmenschen, animierte Lehmklumpen, aufblasbare Gummipuppen, Homunculi, Alraunen, Cyborgs, Funktions-Roboter und sozio-emotionale Assistenten, Androide, Replikanten, Ventriloquisten und andere Dummys – sie alle sind in gewisser Weise Puppen, unabhängig davon, ob sie als literarisches Narrativ, fiktive Denkfigur, virtuelle Assistenten oder als materialisierte Objekte in Erscheinung treten. Mit der Kreation einer Abbildung ihrer selbst in Form von Puppen, schaffen Menschen Beziehungs- und Übergangsräume, in denen sich vielfältigste Potenziale, aber auch Abgründe entfalten können. In ganz einfacher und dabei höchst verdichteter Form findet dieser Prozess bereits im Spiel des Kindes statt, das sich zum ersten Mal mit der ‚Puppifizierung‘ eines Objekts eine Art menschliches Gegenüber schaffen kann oder es als solches – in der Puppe – erkennt. „Puppen/dolls like mensch“ – der doppelte Wortsinn unterstreicht die gegebene Ambiguität der Puppe und die damit einhergehenden Ambivalenzen. 

Der Call richtet sich an unterschiedlichste disziplinäre Theorie-, Forschungs- und Praxisfelder. Es geht darum, die Idee der Puppen als künstliche Menschen in der Vielzahl ihrer literarischen, künstlerisch-kulturellen, materiell-technischen, medialen, psychologisch-pädagogischen Varianten und Erscheinungsformen auszuleuchten. Dabei sollten sich nicht nur geistes- und kulturwissenschaftliche Disziplinen angesprochen fühlen, sondern auch die Bereiche Design, Technik, Robotik bzw. Technik-Mensch-Interaktionen. Denn mit dem hier angesprochenen Themenschwerpunkt wird angestrebt, an den Schnittstellen unterschiedlichster Disziplinen neue transdisziplinäre Diskurse zu initiieren.

Archiv: Call for Papers Bd. 2 Nr. 1 (2019)

Puppen als Miniaturen – mehr als klein

Das zweite Heft der Zeitschrift widmet sich dem Thema Puppen als Miniaturen – mehr als klein. Puppen und ihre Umwelten (z.B. Puppenhäuser) sind in diesem Zusammenhang ‚mehr‘ als nur verkleinerte Varianten oder Repliken von Menschen und ihren Lebenswelten. Sie generieren Bilder und Narrative, die einen eigenen Zauber entfalten können und in ihrer Funktion und Wirkung changieren: zwischen Beispielhaftigkeit, Trivialität, Außergewöhnli-chem, Exklusivität, Verdichtung, ‚Downsizing‘, Kindchenschema, magischer Aufladung etc. Dabei soll es auch um mediale Erscheinungsformen der Puppe als Miniatur gehen, stehen doch aus etymologischer Perspektive Bild und Schrift Pate bei der Geburt der Miniatur: Bei der ‚miniatura‘  ging es zunächst nicht um den ‚kleineren Maßstab eines Größeren‘, sondern um das Malen mit Zinnoberrot (miniare); darum, die Initialen in Manuskripten rot zu gestalten, um sie in der weiteren Bearbeitung durch in die Buchstaben gemalte kleine Bilder ersetzen zu können (siehe Kluge/Seebold).

Konzipiert man Puppen in diesem Sinne als Miniaturen, kommen wechselseitige Spannungs-verhältnisse ins Spiel: zwischen ‚klein‘ und ‚groß, ‚Sichtbarem‘ und ‚Verstecktem‘, ‚Mimetik‘ und ‚Poetik‘, ‚real‘ und ‚fiktiv‘. Puppen als Miniaturen sind hybride Objekte, aufgeladen mit vielerlei Symbolik und Bedeutungsüberschuss, die ein Referenzsystem darstellen des Aller-kleinsten im Kleinsten im Kleinen beziehungsweise der Puppe in der Puppe in der Puppe. Dabei gelten Miniaturen und Miniaturwelten gleichzeitig auch als ein ‚Fundort der Größe‘ (Bachelard), sie ermöglichen wie in einem Brennglas den Blick auf das Ganze, auf Hinter-gründiges jenseits der Oberfläche und auf die Erkenntnis von inneren Zusammenhängen. Das gilt für Miniaturen und ihre Narrative in vielerlei Feldern und Disziplinen – in der Literatur, in den (bildenden) Künsten, in der Archäologie, in der Fotografie, im Film, in der Musik, im Figuren- und Objekt-Theater, im Design und nicht zuletzt in den konkreten Nachbildungen und ‚Nachstellungen‘ der realen Außenwelten. So geht es auch um die Ordnungen der kleinen, miniaturisierten Dinge in den Puppenwelten, den großen und kleinen Puppenhäusern, den Hausaltären, den persönlichen Objekt-Arrangements, den musealen Präsentationen, Sammlungen, Spielzeugen, den Modellen von Mensch-Technik-Zusammenhängen etc. bis hin zu Puppenstubenmorden als Anschauungsmaterial für Tatorte in der Rechtsmedizin und vor Gericht.

Der Call richtet sich an verschiedenste disziplinäre Forschungs- und Praxisfelder. Es geht darum, die Idee der Puppe als Miniatur in der Vielzahl ihrer medialen und historischen Vari-anten neu auszuleuchten, ihrer Verortung in aktuellen kultur- und gesellschaftswissenschaft-lichen Diskursen nachzugehen und sie in ihrem Potenzial neu zu entdecken.

Archiv: Call for Papers Bd. 1 Nr. 1 (2018)

Puppen in krisenhaften und existenziell bedrohlichen Zeiten (z.B. Krieg/Flucht/Gewalt/ Trauma)

In kritischen Zeiten existenzieller Bedrohung können Puppen sowie andere (anthropomorphe) Artefakte in all ihren Erscheinungsformen zu besonders bedeutsamen (Übergangs-)Objekten werden, die gleichzeitig sowohl psychische Sicherheit und Bindung als auch (innere) Autonomie und Handlungsfähigkeit ermöglichen. Das gilt nicht nur bei Kindern, sondern generell für Puppen als Menschenbegleiter. Zeugnisse solcher Funktionen finden sich in Fotografien, Bildern, therapeutischen Settings, psychosozialen Handlungsfeldern sowie nicht zuletzt in literarischen Darstellungen: In Else Urys Nesthäkchen-Serie ist die Lieblingspuppe Gerda ein erstes Kriegsopfer und auch Judith Kerr trauert in ihrer autobiografisch gefärbten Rabbit-Trilogie ihrem geliebten Spielzeug nach. Aber es soll hier auch um Fragen gehen wie: Welcher Stellenwert kommt Puppen in aktuellen Belastungs- und Bedrohungskontexten zu? Können Barbie-Puppen als sinnvolle Identifikationsobjekte für Flüchtlingskinder dienen? Kommt Puppen als Aggressionsobjekten eine kathartische Funktion zu? Lässt sich im Puppenspiel Spannung abbauen? Ermöglicht Puppentheater bzw. Mensch-Puppen-Theater neue Erkenntniszusammenhänge und einen ganz anderen, subtilen Blick auf Bedrohungsszenarien? Diese Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen. Nach unserer Einschätzung kommt der Puppe in ihrer ‚ambivalenten Verwendbarkeit’ (Ariès) ein tendenziell unterschätztes, dabei aber höchst innovatives und kreativ zu nutzendes Potenzial in einer Vielzahl von Forschungs- und Praxisfeldern zu.